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Rezension | Eine wie wir – Dana Mele

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Werbung | Rezensionsexemplar
Eine wie wir |Einzelband | Dana Mele |Seitenzahl: 352 | Arctis Verlag | erschienen am 28. Februar 2019|Ebook: 12,99 €, Print: 16,00 € | Ansehen: auf Amazon

Für diese Geschichte braucht man Zeit. Sie holt einen nicht direkt ab,lässt einen links liegen oder läuft rechts, während man selber links abbiegt. Und dennoch ist dies eine Geschichte, die so viel Ehrlichkeit, Vertrauen und Verrat enthält, dass ich bis zum Schluss lesen musste.

» Der Inhalt «

Kay Donovan ist siebzehn und hat ihr Leben am Bates-Internat in Neuengland neu eingerichtet. Doch als ihre Clique die Mitschülerin Jessica Lane tot auffindet, ändert sich alles und Kays sorgsam konstruiertes Dasein beginnt zu bröckeln. Denn Jessica hat Kay einen verschlüsselten »Racheblog« hinterlassen, in dem nahezu alle verdächtigt werden, die etwas mit ihrem Tod zu tun haben könnten. Und Kay soll alle Betreffenden mit ihren Vergehen konfrontieren – tut sie dies nicht, würden alle anderen von Kays Geheimnis erfahren …

Quelle: Amazon/Arctis Verlag

» Die Rezension «

Wisst ihr, ich sitze nun eine ganze Weile vor dem Laptop und weiß einfach nicht, wie ich meine Gedanken in Worte fassen soll. Das Buch gibt einem so viel und doch bin ich zum Beispiel mit der Protagonistin Kay nicht warm geworden.
Die Geschichte beginnt leicht, ja fast simpel. Es macht es dem Leser einfach, einen Zugang zu dieser Story zu finden, beginnt es doch mit dem Tod einer Mitschülerin und die sich daraus ergebenen Folgen. Wahnsinnig überzeugend fand ich vor allem die Geschichte an sich, die Internatsgeschichte, die Clique, die Idee, dass manche Menschen privilegierter sind als andere und deshalb mit vielen Dingen einfach so durch kommen, ja, auch mit Mobbing und davon gibt es in diesem Buch reichlich.
Als es dann mit einem Racheblog losgeht, merkt man Kay an, in welcher Zwickmühle sie sich befindet und es immer Mittel und Wege gibt, Menschen unter Druck zu setzen.
Ich war begeistert und gefesselt von der gesamten Handlung, musste aber wirklich zwischendurch das Buch aus der Hand legen, denn je weiter die Handlung voran schritt, desto krasser wurde es.
Man rätselt mit, was mit dem Racheblog bezweckt werden soll, man stellt Vermutungen an und am Ende sitzt man fassungslos vor dem Buch und fragt sich wie es so weit hatte kommen können und dann reflektiert man. Lässt das Gelesene Revue passieren und versteht, wie viel Worte und Taten, die für manche lustig sind, andere zutiefst verletzen können.

Ich war vor allem aber erstaunt wie einfach Kay Freunde in die Pfanne hauen konnte und wie simpel das Ende erschien. Es hab vor allem am Ende einige Handlungen, die, wie ich finde, leider etwas unrealistisch geschildert werden (wenn man mir ne Vase über den Kopf zieht, laufe ich nicht einen halben Marathon nach draußen…).
Es gibt so einige problematische Stellen, die unreflektiert bleiben wie: Ich kann mich nicht dazu durchringen, Dinge anzusprechen, von denen jeder weiß, dass sie wahr sind, weil ich sie noch brauche. Beschreibungen von Menschen sind teilweise sehr herablassend: Sie ist nichtssagend oder aber sie hatte nützliche Eigenschaften.
Entschuldige, aber das ist egoistisch und vor allem verletzend, so behandelt man niemanden, wirklich niemanden und hat mich zeitweise auch echt wütend gemacht, bis man im Verlauf der Handlung merkt, wie aus dieser Nutzgemeinschaft etwas anderes wird, eine wie wir und doch ist sie genau das eben nicht, was auch regelmäßig deutlich wird.
Hat mich dies zu Beginn echt fassungslos gemacht, habe ich mich danach gefragt wie viel Wahrheit wohl in diesen Situationen steckt. Wie viele “Freundschaften” da draußen wirklich auf so etwas beruhen, auf Ausnutzen und Dinge einfach loswerden, ohne zu das die Person an sich einem wirklich wichtig ist. Und dann ist mir eingefallen wie oft wir wohl selber durch das Leben gehen und genau solche unreflektierten Gedankengänge haben. Menschen Spitznamen geben, Gedankengänge haben, die andere einfach verletzend finden (können)? Es hat die Augen geöffnet, so etwas ein Mal selbst zu lesen, weil ich mir beim Lesen dachte: Damit kommt sie doch nicht durch?! Oder: Das hat sie jetzt nicht gesagt?!
Doch irgendwie sorgte diese Direktheit der Autorin dafür, dass man nachdenklich wird, dass man versteht, was man manchmal, selbst ganz unbewusst, für Vorurteile hat, die wirklich wertend sind, obwohl man selber vielleicht sagt: Ich bin doch so weltoffen.

Und letzten Endes habe ich meine Reflexion dann doch bekommen, irgendwie, denn wie auch uns musste Kay erst mal bewusst werden, was alles passiert ist und was sie getan hat und das Worte nicht rückgängig gemacht werden können. Dass Worte viel mehr zerstören können, als auf dem ersten Blick ersichtlich, dass Mobbing dafür sorgen kann, dass Menschen so werden wie sie werden, auch wenn es, wie hier, zum Beispiel echt krankhafte Züge hat. Ich meine: Da stand sie da und ich wollte mich nicht umbringen, also brachte ich sie um und ich konnte leben. Like… what?! Wie viel muss ein Mensch ertragen und erleben, dass er so wird? Ich fand es der Wahnsinn.
Überzeugend, krass, anders und vor allem, oder ganz besonders angetan war ich von der Beziehung zwischen Kay und Brie. Es steckt so viel Verletzlichkeit in dieser Geschichte, so viele Fehler und Dinge, die andere von einem wegstoßen können. Es steckte so viel Echtheit in dieser Beziehung, dass ich wirklich nickend dort saß und gedacht habe: GENAU das kann überall passieren, dass Taten und Handlungen fehl interpretiert werden, Dinge aus dem Affekt geschehen, usw., die so vieles kaputt machen können, dass es mich ein wenig an meine eigene Situation erinnert hat.

Letzten Endes konnte mich vor allem die Ehrlichkeit überzeugen, die Echtheit und das, obwohl ich erst im Verlauf mit Kay anfing zu sympathisieren. Gerade zu Beginn wirkte es eher so, als würde man einer fremden Person begegnen, die Andeutungen zu ihrer eigenen Vergangenheit macht, aber nicht drüber redet, weil es sehr persönlich ist. Total normal also. Und doch stolperte ich genau darüber im Buch und dachte mir: Wieso bekomme ich diese Häppchen erst zum Ende?
Und da machte es klick. Ich sollte nicht zwingend mit Kay sympathisieren, sie darf undurchsichtig sein, denn welcher Mensch läuft durch die Straßen und erzählt seine Lebensgeschichte? Ich musste Kay nicht mögen, um die Geschichte zu verstehen, denn ebenso Schrittweise scheint auch Kay sich dem Leser zu öffnen. So gibt es wichtige Themen in ihrem Leben, an die sich nicht erinnert werden will, die zwischen ihr und der Familie stehen und am Ende, ganz am Ende, erfährt man die ganze Wahrheit. Die Ehrlichkeit und das dunkle Geheimnis, das Kay mit sich herum trägt.
Warm geworden bin ich mit ihr bis zum Schluss nicht, aber Gleiches gilt auch für Brie. Das wären beides keine Mädels für eine Freundschaft gewesen. Trotzdem fand ihr ihre Beziehung so echt und nachvollziehbar. Und genau DAS ist es, was ich in Geschichten so wichtig finde.

Ich muss Figuren nicht lieben, um vollends in die Story einzutauchen, ich muss keinen Bookboyfriend haben, obwohl die Jungs schon sehr interessant gezeichnet waren und sehr vielschichtig zu sein schienen. Ich brauche keine Prota, in der ich mich wiederfinde, sondern ich brauche jemanden, der mich überzeugt, der echt wirkt und authentisch, denn gerade, dass der Leser erst am Ende alles erfährt ist etwas, das ich als Sprung ins kalte Nass bezeichnen würde…. Opfer oder Täter? Und was wäre, wenn…. Fragen über Fragen, die noch lange im Leser nachklingen, weshalb ich das Buch so wahnsinnig gelungen finde.

Fazit:
Es passiert so viel und doch beginnt es recht monoton. Man muss sich Zeit lassen, das Buch kommt schleichend und scheint seine Fäden immer enger zu ziehen. Der Leser selber entdeckt nicht zwingend, dass er in einem Netz gefangen ist, sondern bemerkt diese klebrigen Finger erst, wenn er wie eine Fliege zappelnd schon festhängt.
Wer keine super krasse Aktion erwartet, sondern Tiefgang mit einigen krassen Offenbarungen, wer Ehrlichkeit mehr schätzt, als einen Spannungsbogen hoch 10 und wer auf eine Reise mitgenommen werden möchte, die einen nachdenklich stimmt, der sollte dieses Buch ganz unbedingt lesen.


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